Herr Gauss & das Wiki (war: Re: Dünen , Kampf, und was das alles kostet)

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Herr Gauss & das Wiki (war: Re: Dünen , Kampf, und was das alles kostet)

Markus Mueller-2
Am Freitag 06 Januar 2006 01:18 schrieb Jakob Voss:
> Also bitte keine Panik. Das Wiki-Prinzip kann halt nicht gleichzeitig
> dafür sorgen, dass alles schnell korrigiert werden kann und dass alles
> immer stimmt.

Wenn die Möglichkeit, alles schnell zu korrigieren, nicht dazu führt, dass
alles immer stimmt - ja wozu hat man diese Möglichkeit denn dann überhaupt?
Das Wikiprinzip ist inzwischen doch längst die Hauptverursacher dafür, dass
vieles nicht (mehr) stimmt!

Nein, nein. Der fundamentale Denkfehler liegt doch darin zu glauben, das
Wikiprinzip wäre unidirektional und asymmetrisch. Das funktioniert allerdings
nur mit einem geschlossenen Benutzerkreis, der ein gemeinsames Ziel hat - so,
wie es sicherlich in der Anfangszeit der Wikipedia war.

Je mehr schreibberechtigte Benutzer es gibt, desto mehr tendiert das
Wikiprinzip zur Symmetrie, d.h. die Güte der Veränderungen nähert sich in
ihrer Verteilung immer mehr einer Gauss'schen Kurve an. Das Wikiprinzip ist
eine völlig neutrale Einrichtung, es kann von sich aus Informationen nicht
bewerten oder filtern. Darum wird mit ausreichender Zeit und ausreichenden
Edits die Qualität des durchschnittlichen Artikels immer mehr auf ein
mittleres Mittelmaß nivelliert werden.

Wir haben 626 Exzellente bei 334.000 Artikeln. Nehmen wir mal an, das sogar
3340 aller Artikel wirklich gut sind, dann sind wir bei 1% - also ganz ganz
rechts in der Gauss-Kurve. Aber auch 10% (33.000 gute Artikel) würde meinen
Punkt noch genausogut illustrieren.

Ein uneingeschränktes Wikiprinzip bedeutet letztlich maximale Entropie. Der
Energieaufwand, dieser Entropie entgegenzuwirken steigt mit zunehmender
Artikelzahl und mit zunehmender Qualität des einzelnen Artikels exponentiell
an. Je höher das Niveau eines Artikels, desto unwahrscheinlicher ist ein
Edit, der einen Artikel nochmal verbessert und desto wahrscheinlicher ist ein
Edit, der ihn verschlechtert. Das ist simple Oberstufenmathematik.

Durch technische Spielereien wird man die Gesetze der Mathematik nicht ändern
können, ebensowenig dadurch, dass man immer mehr Energie in die Überwachung
steckt. Man kann der Entropie nur entgegenwirken, indem man ein Ventil
einbaut, was den einmal erreichten Zustand, die einmal investierte
Arbeitsleistung, konserviert und nur noch diejenigen Edits durchlässt, die
eine möglichst hohe Wahrscheinlichkeit haben, einen Artikel zu verbessern,
statt ihn zu verschlechtern.

Und das bedeutet zwangsläufig - wie auch immer man das anstellt - dass wir uns
von dem Wikiprinzip, wie es heute existiert, verabschieden werden müssen.
Oder wir verabschieden uns alternativ von dem Ziel, eine Enzyklopädie
schreiben zu wollen. Eins von beiden.

Beides zugleich geht nicht.

Markus.
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Re: Herr Gauss & das Wiki (war: Re: Dünen , Kampf, und was das alles kostet)

Ulrich Fuchs
Am Freitag, 6. Januar 2006 09:58 schrieb Markus Mueller:
> diverses...

Ich weiß, ich habe Dich bei dem "Wahnsinn"-Artikel ziemlich geärgert - und
einen Großteilteil der Kritik halte ich nach wie vor aufrecht (und
größtenteils sind diese Kritikpunkte Folge der von Dir kritisierten Situation
in der Wikipedia). Auch wenn Du also grantig auf mich sein solltest, möchte
ich nichts desto trotz mal Danke sagen für das Hochhalten der Qualitätsfahne
in der Wikipedia. Wenigstens einer, der ein bisschen klarsichtig ist.

Es ist nur leider vergebliche Liebesmüh: Gerade weil sich die Wikipedia
bereits auf die Mittelmäßigkeit (im Sinne Deiner Gaußschen Glockenkurve)
eingepegelt hat, kriegst Du sie vom Durchschnitt-produzierenden
JEKAMI-Gebastel nicht mehr weg: Weil die durchschnittliche Mehrheit sie eben
genau da haben will. Ich habe es schon tausendmal gesagt, ich sage es
nochmal: Die Inhalte in einem (offenen) Wiki und die Teilnehmer in einem Wiki
verstärken sich gegenseitig: Die Gaussche Verteilung der Inhalte (Themen,
Qualität etc.) und die Gaussche Verteilung der
Teilnehmer(fähigkeiten,wünsche, etc.) verschieben sich mit der Zeit
aufeinander zu und kommen irgendwann zur Deckung. Und ab dem Moment (der bei
der Wikipedia schon lange erreicht ist) kann sich das System nicht mehr aus
sich heraus reformieren und die Kurve bewusst verschieben.

Das einzige, was bildlich gesprochen die Wikipedia noch verändern könnte, wäre
eine virtuelle Revolution (oder der Einmarsch einer fremden Armee) mit
virtuellem Blutbad (und realem Ärger), bei der mindestens 40% der Inhalte an
die Wand gestellt und mindestens 40% der Teilnehmer ausgesperrt werden, und
so die Glockenkurve gewaltsam verschoben wird. Denn dass sich die Teilnehmer
selber aussperren oder sich die Inhalte von selber löschen, ist nicht zu
erwarten, und die Mehrheitsverteilung lässt nicht zu, dass die Gemeinschaft
von sich aus dies beschließt und durchführt.

Als guter Demokrat sollte man zwar entgegnen: Dann müsse man halt per Diskurs
die Mehrheitsmeinung verändern. Das Problem ist nur, dass ein Staatsvolk eine
relativ konstante Anzahl Personen darstellt. In der Wikipedia kommen aber
ständig neue Personen hinzu, die den bisherigen Diskurs nicht mitgekriegt
haben, sondern nur dessen Ergebnis in Form der Inhalte und bereits von
vorneherein entsprechend "eingeschworen" sind. Personen, die im Diskurs
überzeugt wurden, und genau deshalb nicht mehr mit den Inhalten klar kommen,
steigen irgendwann aus der Community aus. Insofern wage ich wirklich zu
bezweifeln, dass es möglich ist, in dieser Community eine Gesinnungsänderung
herbei zu führen. Vom Argument, dass "Mehrheit" und
"Wissenschaftlichkeit" (sprich: Enzyklopädie) nicht übereinstimmen, mal ganz
abgesehen.

Uli
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Re: Herr Gauss & das Wiki (war: Re: Dünen , Kampf, und was das alles kostet)

Paul-62
Am 10:43 06.01.2006 schrieb Uli:
>Am Freitag, 6. Januar 2006 09:58 schrieb Markus Mueller:
> > diverses...
>....
>Das einzige, was bildlich gesprochen die Wikipedia noch verändern könnte,
>wäre
>eine virtuelle Revolution (oder der Einmarsch einer fremden Armee) mit
>virtuellem Blutbad (und realem Ärger), bei der mindestens 40% der Inhalte an
>die Wand gestellt und mindestens 40% der Teilnehmer ausgesperrt werden, und
>so die Glockenkurve gewaltsam verschoben wird.

Wozu das? WW gibt es doch schon. Eine Kopie währe unnütz wie ein Kropf.

Es gibt (fast) immer mehrere Lösungen für ein Problem, man muß sie "nur"
finden.

Die Vorschläge die, nur weil einem nicht einfällt wie und was man den
gewachsenen Anforderungen entgegen kann, die Ziele zu beschneiden, ohne
über anderes ernsthaft nachgedacht zu haben, finde ich daneben. Ansätze,
wie man schädigendes Verhalten mit Augenmaß eindämmen, wie man das Projekt
auf breitere Schultern laden und wie man die innerhalb des Projektes
verfügbare Kompetenz für alle effizienter zugänglich machen kann, wurden in
diesem und in anderen Threads schon zur genüge geäußert (und all zu oft
belächelt, verrissen oder gar nicht beachtet).

Und selbst wenn WP nie eine Enzyklopädie werden sollte, so ist der Nutzen
hinsichtlich Bildung, dem trainieren von Wissenserwerbsstrategien,
Streitkultur und Teamarbeit auf breite gesellschaftliche Kreise bezogen
durch nichts zu ersetzen. Schon gar nicht durch ein Projekt wie WW.

Moins KS


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Re: Herr Gauss & das Wiki (war: Re: Dünen , Kampf, und was das alles kostet)

Heinz-Josef Lücking-2
In reply to this post by Ulrich Fuchs
Ulrich Fuchs schrieb:

> Am Freitag, 6. Januar 2006 09:58 schrieb Markus Mueller:
>
> Das einzige, was bildlich gesprochen die Wikipedia noch verändern könnte, wäre
> eine virtuelle Revolution (oder der Einmarsch einer fremden Armee) mit
> virtuellem Blutbad (und realem Ärger), bei der mindestens 40% der Inhalte an
> die Wand gestellt und mindestens 40% der Teilnehmer ausgesperrt werden, und
> so die Glockenkurve gewaltsam verschoben wird. Denn dass sich die Teilnehmer
> selber aussperren oder sich die Inhalte von selber löschen, ist nicht zu
> erwarten, und die Mehrheitsverteilung lässt nicht zu, dass die Gemeinschaft
> von sich aus dies beschließt und durchführt.
>
 >
Du nimmst die Teilnehmer in der WP imho zu ernst.

Die Gruppe der IP'ler hat sich in der en:WP nicht großartig beschwert
bei den dort vorgenommenen Änderungen (nur angemeldete Benutzer dürfen
neue Artikel anlegen)

Wenn Du dir das Benutzerberzeichnis der de:WP anschaust: eine rote Wüste
von Namen ohne Gesicht. Diese 90 % Gruppe wird wohl nicht viel gegen
eine Sperrung haben.

Probleme bereitet wahrscheinlich nur eine kleine Untergruppe innerhalb
der Gruppe der vielleicht 10 % Aktiven. Die "Wikipedia-Bevölkerung"
abzuschaffen bringt da wenig.

Heinz



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Re: Herr Gauss & das Wiki (war: Re: Dünen , Kampf, und was das alles kostet)

Ulrich Fuchs
In reply to this post by Paul-62
Am Freitag, 6. Januar 2006 14:05 schrieb Paul:

> Und selbst wenn WP nie eine Enzyklopädie werden sollte, so ist der Nutzen
> hinsichtlich Bildung, dem trainieren von Wissenserwerbsstrategien,
> Streitkultur und Teamarbeit auf breite gesellschaftliche Kreise bezogen
> durch nichts zu ersetzen.

Dem Nutzen hinsichtlich Bildung möchte ich entschieden widersprechen: Ich
halte es nämlich für fahrlässig, geradezu für unmoralisch, wenn ein Projekt
mit dem enormen Impact von Wikipedia Halbwissen quasi geadelt als Bildung
verkauft und Leuten (insb. Schülern) so Falsches beibringt. Wikipedia hat
gerade aufgrund ihrer Bekanntheit hier eine riesige (selbstgewählte)
Verantwortung, der sie aber nicht gerecht wird.

Ersetzt Du Bildung durch "Stellenwert von Bildung", so kann ich Dir in allen
Punkten nur Recht geben: Hier hat Wikipedia meiner Meinung nach wirklich auch
über das Internet hinaus in die Gesellschaft ausgestrahlt (der Boom der
diversen Lexikon-Editionen) in jüngster Zeit zeigt das m.E. deutlich.

Uli
Wikiweise - besser zu Wissen!
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